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Zeitbesessen? Zeit vergessen! ? Ein jegliches hat seine Zeit

Es gibt wohl kaum ein so exakt bestimmbares und gleichzeitig so abstraktes Gebilde wie die Zeit. Sekunden, Stunden, Tage, Jahre vergehen, ohne dass wir einen Einfluss darauf haben. Das einzige Mittel, das wir haben ist es, Zeit in unserem Sinne und mit Verantwortung für die Gesellschaft zu nutzen. Wir entscheiden selbst über ?richtige? Zeitpunkte, darüber wann wir uns Zeitdruck aussetzen oder wann wir uns Zeit lassen. Der Umgang mit Zeit erfordert besonders in SozDias Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Familien ein großes Feingefühl: Gemeinsam Zeit Gestalten.

 

Geboren werden hat seine Zeit und sterben hat seine Zeit. Die Spanne dazwischen wird uns gegeben und gilt es zu füllen ? mit kostbaren Momenten, Begegnungen, Versuchen, Erfolgen und Niederlagen, mit Zeit für sich selbst und andere. Bereits im jüngsten Alter lernen wir, wie wir unsere Zeit nutzen, Entscheidungen zum richtigen Zeitpunkt zu fällen und im Zusammenspiel mit anderen Zeit zu teilen. Hier setzt SozDia auch in ihrer Arbeit mit den Kleinsten an: Jedes Kind in den Sozia Kitas darf seinem eigenen Tempo folgen, wir nehmen es in seiner Einzigartigkeit wahr, fördern es so, wie es das Kind gerade braucht, und schaffen in unserer erzieherischen und integrierenden Tätigkeit ein Band, das den Kindern Toleranz für unterschiedliche Geschwindigkeiten in der Gemeinschaft mit auf den Lebensweg gibt.

Nicht nur in SozDias Arbeit in der Kindertagesbetreuung, sondern auch in der Jugend- und Familienhilfe wie auch in der Berufsorientierung und -vorbereitung wollen wir Menschen dabei begleiten, sich eigene Ziele zu stecken, getroffene Entscheidungen nicht zu bereuen, Eigenverantwortung zu übernehmen und dem eigenen Tempo des Abbrechens und wieder Aufbauens zu vertrauen.

Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen

Franzi*, eine 15-jährige Teenagerin aus dem Jugendklub Linse erzählte neulich: ?Es ging heute in der Schule um unsere Karriereplanung. Wir sollten erzählen, was wir einmal werden möchten, wie wir das angehen und was wir schon dafür getan haben. Ich fühlte mich überfordert, hatte das Gefühl, dass mir die Zeit davon läuft.? So wie Franzi geht es vielen Jugendlichen: Die Zukunft zu planen, schnell zu sein, nichts zu verpassen, alle Möglichkeiten dieser Welt da draußen wahrzunehmen und die richtige Auswahl zu treffen setzt unter Druck. Bei einigen kehrt sich der beabsichtigte Aktionismus sogar um in eine Handlungslähmung. Hierbei ist es wichtig, junge Menschen in ihren Interessen zu bestärken, sich nicht ausschließlich den Erwartungen von außen hinzugeben und ihnen Zeit und Gelegenheit zu geben, sich zu versuchen, sie Fehler machen zu lassen und sie zu ermutigen, Neues anzugehen. Suchen und Finden, Verlieren und Behalten hat seine Zeit.

In den Jugendklubs der SozDia werden junge Menschen nicht mit der Vielfalt der Möglichkeiten allein gelassen. Wir schaffen für sie Angebote, in denen sie sich ausprobieren und Neues entdecken können: sei es der Comic Workshop im Jugendklub Linse, das Basteln von Beats im Tonstudio der Zwergenhöhle, das Texten und Philosophieren beim TUBE Slam im Jugendklub TUBE oder die Fahrradwerkstatt im Jugendklub Rainbow. Dabei entdeckt die*der eine ihre*seine Passion und vielleicht sogar Profession, für die*den anderen ist es einfach nur eine schöne Zeit. Der ständige Gedanke, dass gemeinsame Unternehmungen, Ausflüge und Angebote zwingend genaue Zukunftspläne als Ergebnis haben müssen, spielt hier keine übergeordnete Rolle.

Zu spät?

Wer hat nicht schon einmal darüber nachgedacht, wie es wäre, die Zeit zurückzudrehen, an einen Punkt zurückzukehren, an dem man gern eine andere Entscheidung getroffen hätte, die eventuell den eigenen Weg und das Hier und Jetzt maßgeblich verändert hätte? Manchmal würde das sogar funktionieren ? insbesondere wenn es darum geht, ein vergessenes Hobby wieder aufleben zu lassen, sich in Ausbildung und Beruf neu zu orientieren oder einfach einen Neustart zu wagen. Häufig jedoch siegt der Gedanke ?zu spät?. Doch wann und ob etwas zu spät ist, das entscheiden wir selbst.

Viele junge Menschen in den SozDia Projekten Horizonte Lichtenberg und Du kannst was! haben keinen Schulabschluss, Ausbildungen abgebrochen und nie einen strukturierten Tagesablauf gelernt. Gerade das Gefühl des Scheiterns oder der Überforderung, wie man seine Ziele erfolgreich angehen kann, macht es schwer, von vorn zu beginnen. Wie soll man als junger Mensch an eine gute und erfolgreiche Zukunft glauben, wenn man bislang kaum anderes als das Scheitern erlebt hat? Bei unseren Berufsorientierungsprojekten setzen wir auf Geduld, einen Umgang ganz ohne Erwartungshaltung gegenüber den Jugendlichen und vor allem auf kleine Schritte ? angefangen vom Vertrauen füreinander, über die Strukturierung des Alltags, und im besten Fall hin zum Schulabschluss oder zum Schnuppern in verschiedene Berufe. Abbrechen und Bauen hat seine Zeit.

Zeit zu handeln

Zwar ist Ruhe, Besonnenheit und Geduld die Mutter der Porzellankiste, wie man so schön sagt, doch in manchen Situationen ist Eile gefragt ? insbesondere in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche und Herausforderungen. Als 2015 Millionen Menschen gezwungen waren, ihre Heimat zu verlassen, und zu uns kamen zunächst auf der Suche nach Sicherheit, galt es zu handeln. So eröffnete auch SozDia in der Notlage eine Notunterkunft und sicherte die Grundversorgung.

Doch es kommt eine Zeit nach der ?ersten Hilfe?, die nach Beständigkeit und Entwicklung verlangt. Wie sollen sich unsere neuen Nachbar*innen in eine Gesellschaft einfinden, wenn ihnen der Anschluss fehlt, wenn sie die Sprache nicht sprechen, wenn die Angebote mit hier Beheimateten fehlen? Als SozDia schaffen wir Raum und Möglichkeit dafür. Ein Beispiel ist das regelmäßige Sprachcafé im iKARUS Stadtteilzentrum, welches im Rahmen unseres Kirchenkreisprojektes Welcome! ins Leben gerufen wurde und wo sich Nachbar*innen jeder Herkunft zusammenfinden, sich Zeit nehmen, sie gemeinsam verbringen und voneinander lernen.

Zeit für Verantwortung ? Verantwortung für Zeit

Unsere persönliche Zeit auf der Welt ist begrenzt, doch wir haben nicht nur Verantwortung für uns im Hier und Jetzt, sondern genauso für das ?Nach uns?. Nachhaltiges Handeln im Sinne der Bewahrung der Schöpfung für zukünftige Generationen ist fest in den Leitgedanken der SozDia, ihrer Strategie und sehr praktisch in der täglichen Arbeit verankert. Vor allem in den Klimaschutzprojekten ?SozDia Kitas werden Klimaschützer? und ?Energiewender? ? das Klimaprojekt in unseren Jugendklubs ?, möchten wir erreichen, dass die nächste Generation verantwortlich mit unserer Umwelt umgeht, ein Bewusstsein entwickelt und ein nachhaltiges Denken in der Vergänglichkeit der Zeit nicht nur weitergetragen, sondern verinnerlicht und verbessert wird. Pflanzen hat seine Zeit.

SozDia empfindet es nicht nur als ihre Verantwortung, sich für Chancengleichheit zwischen uns und nachfolgenden Generationen einzusetzen, sondern kämpft ebenso für die Chancengerechtigkeit zwischen allen Teilen der Gesellschaft: ?Das Langsame in unserer Gesellschaft wird ausgegrenzt. Ganz massiv. Das setzt alles Soziale unter Druck?, stellt Zeitforscher Karlheinz A. Geißler fest. Er meint damit, dass Effizienz, schnelles Lernen und Schaffen in unserer Gesellschaft augenscheinlich die Basis für Erfolg und Glück sei. Man kann es wohl als Zeitwohlstand bezeichnen, der ? abhängig vom sozialen Hintergrund, von der Herkunft oder von Beeinträchtigungen ? in unserer Gesellschaft ungerecht verteilt ist. Wir verstehen unter Verantwortung für Zeit, dass alle die Möglichkeit haben, ihre Zeit zu ihrer Zufriedenheit zu nutzen, Zeit gemeinsam mit anderen Menschen zu verbringen und befähigt sind, selbst Verantwortung für sich und die Gesellschaft zu übernehmen. Dafür bieten wir Raum, Denkansätze, kostenfreie Angebote, qualifizierte Fachkräfte und natürlich ZEIT.

*Name geändert

Kalles Welt

Zeit ham oder Zeit nutzen? Mit der Frage quäl ick mir schon seit Tagen rum. Imma, wennet drum jeht, dass man noch wat erledigen will, heißt dit zum Beispiel: ?Muß ick ma kiecken, ob ick da Zeit hab.? Klare Info, vasteht jeda. Aba jeht dit übahaupt? Zeit ham? Bedeutet ham nich och besitzen? Dit würde ja bedeuten, dass wenn ick eene Stunde Zeit hab, also besitze, dass die eene Stunde denn im Universum fehlt. Hä? Zeit is nich meins oda deins. Zeit is da. Janz unabhängig von irjendwat. Oda? Andaraseits is Zeit aba och ne Einheit, die der Mensch afunden hat, glob ick. Oda hatta se nur entdeckt, benannt und bemessen in Wochen, Stunden, Minuten? Puh, ick find, dit is für meen kleen Schädl ne janz schön komplizierte Ufjabe. Hab ick keene Zeit für. Stopp! Da fällt mir doch glatt ne Jeschichte ein: Hab ick mich doch letztens mit meen Kumpel Klausi vaabredet. Pünktlich um siem uffa Hundewiese am dritten Baum links, so wie abjemacht, hab ick uff ihn jewartet un jewartet? zehn nach siem kama denn endlich umme Ecke und tat so, als wär allet i.O. War et aba nich. Nich für mich und dit hab ick ihm och jesacht. Wat ick mir denn so uffrejen tu, warn doch NUR zehn Minuten späta. NUR zehn Minuten! Nu jut, wat sollte ick mir uffrejen. Wir verbrachten dennoch n feinen Tach zusamm. Aha meen großer Moment kam: Zwee Tage späta warn wa wieda uff der besagten Wiese. ?Klausi?, sach ick,?kiek ma da hintn. Da hab ick jestern Rotti vom Kotti buddeln jesehn ? kennste doch och. Der hat da n fetten Knochen abjelecht, schwör ick.? Na da hat sich der Klausi nich lang bittn lassen und zack wara anna anjejebenen Stelle und buddelte wie wild. Nach zehn Minuten Knochenarbeit konnta nich mehr und jab uff. ?Rinjelecht!? rief ick. N ziemlich saurer und kaputter Klausi kam uff mich zu und fragte, wat dit soll, ihn da volle zehn Minutn buddeln zu lassen. ?Mensch Klausi, waren doch NUR ZEHN MINUTEN!?

Bis denne, Eua Kalle!